August – Charlotte und Ben-Peter

Eure Worte:

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Charlotte und Ben-Peter

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Ich bin Charlotte Dübel, eine Leseratte, oder wie ich es gern nenne: Göttin unergründeter Bücherregalwelten, Herrin des universalen Bibliotheksausweises, Herrscherin über die Wortwelten jenseits der Bestsellerlisten. 

Und wäre dies der Anfang in einem Roman und wäre ich eine romantaugliche Person, würde gleich etwas Bemerkenswertes geschehen. Zum Beispiel könnte eine andere romantaugliche Person den staubigschweren Samtvorhang vor dem Eingang der Kneipe zur Seite schieben, um dann – in gedankenschwangerer Zeitlupe –  auf mich zu zukommen. Sie würde sich neben mich setzen und mir … je nach Genre… einen Drink spendieren, einen Umschlag mit einer verschlüsselten Botschaft zuschieben oder mich ver- beziehungsweise entführen, oder alles zusammen. 

Ja, mein Platz in dieser schrabbeligen Bar im Hamburger Plattenbau-Viertel um 17:27 Uhr ist wie geschaffen für einen Romananfang. Allerdings bewegt sich der miefige Samtbrokat nicht, mein Starren ist zwecklos, schon seit einer knappen Stunde.

»Noch einen?« 

»Äh, wie bitte?« Eine Reflexantwort. Ich habe die Frage verstanden, brauche nur einen Moment, um den Vorhang von meinen Erwartungen zu erlösen. Ich schaue in mein leeres GinTonicGlas.  »Ja«, sage ich. »Warum nicht.« 

Der Barkeeper nickt. 

GinTonicGlas. Ich lasse das Wort Silbe für Silbe subatomar zerfließen. Ist es nicht einfach ein stinknormales Glas? Es wäre sicher ebenso geeignet für LongIslandIceTee, Pfirsichsaft oder Milch. Der Inhalt verhilft zum Namen, nicht andersrum. So ist das doch mit allen Dingen, glaub ich. Zermatschte Avocado macht aus einer handelsgebräuchlichen Schale eine Guacamolezubereitungsschüssel, und im späteren Verlauf kann die gleiche Schale zur Guacamoleservierschüssel werden, bevor sie nach einem Spülgang auf ihren nächsten Namen wartet. 

»Ist der Platz noch frei?« Das sonore Crescendo eines Bösewichtes gräbt sich tief in meinen Beckenboden. 

Verdammt, ich muss die Szene mit dem Samtvorhang verpasst haben, blöde Avocadoschüsselgedanken. Das hätte mein Romanmoment werden können und was mach ich… 

Ich glotze auf einen rothaarigen Mann. Nicht besonders groß, nicht besonders gutaussehend, nicht besonders romantauglich. Genau wie ich. Er glotzt mich an, als hätte er von Romantauglichkeit noch nie etwas gehört. 

Also sage ich: »Ja.«  Mehr sage ich aber nicht. 

»Habe ich Sie bei wichtigen Überlegungen gestört?«, fragt er. 

»Naja«, sage ich. »Ich mach mir halt so meine Gedanken. Der Klimawandel, die Politik und die Inkompatibilität von unverpackten Biogurken in billig Gin.« Was auch immer ich da von mir gebe, ich finde es klingt gar nicht mal so schlecht und vor allem besser als die Wahrheit.

Der Barkeeper sieht das anders.

»Ey… Ich geb dir gleich billig, Mädchen. Das ist der Gute. Aus der Region.« 

Das wage ich zu bezweifeln. Sage aber: »Sorry. Schmeckt auch echt prima.« Den gewissen Duft von Stinkmorchel lasse ich unerwähnt. 

Ich greife zum neuen GinTonicGlas, werfe einen mitleidigen Blick auf die desillusionierte Gurkenschale und trinke. 

Der Barkeeper lupft mit seinem Lappen über den Tresen, befreit ihn von der Schmach meiner Worte. Ohne ein weiteres an mich zu verschwenden, begrüsst er den rothaarigen Antihelden links neben mir. »Moin, Ben-Peter, was machst du denn schon hier?« 

»Ferienende«, sagt er. 

»Na, das muss gefeiert werden. Astrachen?« 

Ben-Peter nickt und bekommt ein Astra. Urtyp. Der Geruch ist mir sympathisch. Er nimmt einen kräftigen Schluck und seufzt ein beckenbodenbebendes »Ah«, als die Flasche seinen Mund verlässt. 

»Sind Sie Lehrer?«, frage ich. Und ich frage mich, ob mich das überhaupt interessiert. Vielleicht ist er Detektiv oder Spion der Raumfahrttechnik, was mich einer Romanhandlung deutlich näher bringen würde. Das zu betrinkende Ferienende bräuchte dann allerdings noch mehr Details. Oder Gin.

»Nein, ich bin Vater.« 

Noch bevor ich fragen kann, warum ein Vater am frühen Abend lieber in der Kneipe Bier trinkt, statt mit seinen Kindern im Kino oder in der Eisdiele das Ende der Sommerpause einzuläuten, kommt er mir zuvor. 

»Morgen sind die beiden Kleinen endlich wieder in der Schule und der Große beginnt seine Ausbildung. Verstehen Sie mich nicht falsch. Ich liebe meine Kinder. Aber sechs Wochen. Halleluja! Was bin ich froh, dass die um sind.« 

Er nimmt einen großen Schluck Bier. 

»Und wo sind Ihre Kinder jetzt?« 

»Warten draußen, wie immer.«  Er grinst, und nimmt einen weiteren Schluck. Fast leer. 

»Sie machen Witze?« 

»Ja.«  Mehr sagt er aber nicht.

Hochsympathisch. Mir kommen erste flüchtige Gedanken an eine potentielle Seelenverwandtschaft.  Ich sehe ihn immer noch mit wachsender Begeisterung an, als er ein weiteres Bier hingestellt bekommt.  Ich bestelle auch eins und bekomme es. Der Barkeeper scheint nicht nachtragend zu sein.

»Charlotte«, sage ich zu Ben-Peter, um das Gespräch wieder aufzunehmen.

»Ben-Peter«, sagt er. Aber das wusste ich ja bereits. 

Wir geben uns die Hand und prosten uns die Flaschen zu, ohne dass sie sich berühren. Schade.

»Denkst du immer noch an unverpackte Biogurken?«, fragt er. 

»Nein«, antworte ich. 

Meine Gedanken faszinieren sich gerade an und auf und entlang von Ben-Peter, da ist kein Platz für Gurken ohne Plastik-Mantel. 

»Wasserspielplatz«, sage ich. 

Eine seiner rothaarigen Augenbrauen signalisiert so etwas wie Interesse, Neugier oder Verwirrung. 

»Ich habe draußen einen Wasserspielplatz gesehen, gehört zum Biergarten. Toll für Kinder, die auf ihre Eltern warten müssen.«

Er lacht. Laut und offen. Alles an ihm wirkt mit einem Schlag romantauglicher. Der ganze Tresen gehört seiner Freude und ich will darin baden. 

Sein Handy klingelt, und sein Lachen findet ein jähes Ende. 

»Hallo Marie, was gibt’s?« 

Ich höre nicht was die andere Person sagt. Ich versuche wegzuhören. Aber naja…

»Den grünen Tankini haben wir in Norwegen in der Umkleidekabine vergessen.« 

»Nee, nicht Haie, Delphine waren es und sie sind pink. … Ja ich weiß, frag nicht.« 

Er lacht ein bisschen. Nicht tresenfüllend.

»Warum weint sie denn jetzt?« 

»Vom Sitzball? Blutet wer?« 

»Ein Video über Faultiere hat sich bewährt oder eine Folge Sandmännchen. … Ja, auf YouTube. Aber nicht die Folge mit dem Boot und der Steilküste. Davon kriegen die Mädchen immer noch Albträume.«

»Ich hol die beiden morgen von der Schule ab und fahr sie zum Karate. Und Timo kann mit dem Bus nach Hause kommen, sagst du ihnen das? Ach, und gibst du den Kindern meinen Briefkastenschlüssel wieder mit?«

Mir wird die Situation unangenehm. So live und hautnah das familiäre Organisationschaos fremder Leute zu belauschen, ist nur bis zu einem gewissen Grat unterhaltsam. Es geht mich nichts an und tut nichts für eine eventuelle Romanhandlung. Im Gegenteil. 

Ich gehe raus. Der Samtvorhang ächzt, als wolle er mich begleiten. 

Draußen ist es mir immer noch viel zu heiß.  Aber noch ist Sommer, da gehört das dazu. Der Biergarten ist schön soweit. Schön genug für ein paar gestrandete Sonnenanbeter, die sich vom Rasen- und Blumenbewässerungssystem erfrischen lassen. Eine altersschwache Gartenlichterkette baumelt eher lustlos am Palisadenzaun. Ich will mich als Gutetat dazuhängen und einen Kurzschluss provozieren.

Die achtspurige Hauptstraße ohne erkennbare Straßenverkehrsordnung scheint das Ambiente nicht zu stören, eher zu unterstreichen. Ein achtspuriger Doppelstrich. 

Mir gefällt der Blick auf die Fressmeile gegenüber. Schlafittchens Schnittchen sticht mir ins Auge. Klingt wie eine romantaugliche Figur in einem Wintermärchen. Die offene Glasfront  bringt mich auf andere Gedanken. Ein Mensch, ich erkenne nicht ob Mann oder Frau, balanciert Eierkartons von einer Ecke in die andere. Ich frage mich nach dem Warum, bis Ben-Peter fertig telefoniert hat und neben mir steht.  Noch so ein Warum. 

»Mamawochenende«, sagt er und setzt sich neben mich. 

Er kramt eine E-Zigarette aus seiner Hosentasche und meine Hoffnung auf eine eventuelle Romantauglichkeit bekommt einen erneuten, vermutlich todbringenden Dämpfer. Der Geruch von Sahnebonbon kriecht mir in die Nase. Nichts könnte unsexier sein. Ich kontere mit meinen Selbstgedrehten.

Der Barkeeper schaut durch den Samtvorhang.  »Ben-Peter, können wir?«, fragt er.

Ben-Peter steht auf, knipst seine E-Zigarette aus und dreht sich doch noch einmal zu mir um. »Kommst du?«, fragt er mich. »Ich bin heut Abend der Bassist.« 

Erst jetzt, als ich Ben-Peter auf der Bühne neben dem Barkeeper und anderen romanuntauglichen Figuren stehen sehe, fällt mir auf, dass ich in den letzten Minuten alles bekam, was ich für einen guten Romananfang brauche. Vielleicht sollte ich Korrekturdenken und die ein oder andere Stelle etwas verkürzen. Auch gehen meine Guacamoleschüsselgedanken niemanden etwas an. Aber dieser rothaarige Ben-Peter, nicht besonders groß, nicht besonders gutaussehend, nicht besonders romantauglich, steht auf der Bühne, singt sich tiefer in meinen Beckenboden und ist dann, verdammt noch mal, ausgerechnet auch noch der sexy Bassist. Das Genre steht damit fest. 

2 Antworten auf „August – Charlotte und Ben-Peter“

    1. ja, seid gestern brütet es in mir, ob ich daran anknüpfen könnte. ich habe mich bisserl in Ben-Peter verguckt und Charlotte, naja… wie sag ich es… sie liegt mir 🙂

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