drei – Winterherz und andere Worte

#Goldstumpfnase #Frühaufsteher #Winterherz

Und mein Winterherz flüstert: „Siehst du…“

Mir bleibt nichts anderes übrig, als leise zu nicken, und zu nippen, an meinem Kölsch.

Mein Winterherz ist noch nicht zufrieden: „Hab ich doch gesagt, ne. Hab ich doch, oder?“

Ich nicke und flüstere: „Ja. Das hast du. Wie immer.“

Mein Winterherz quengelte seit Tagen, ich solle doch mal wieder raus gehen. Unter Menschen. Das würde mir gut tun, sagte das Herz. Ich sagte dann immer: „Später.“ Oder „Morgen.“ Oder „Vielleicht.“ Und dann streichelte ich mein Sofa und meine Katze im Wechsel und wechselte das Fernsehprogramm oder die Playlist. Mehr machte ich aber nicht.

Heute habe ich nachgegeben.

Denn ich bin ein Winterkind mit einem Winterherz. Und das Winterherz steht mir von allen Herzen, die ich habe, am nächsten.

Seit dem die Sommerzeit abgelaufen ist, gehöre ich zu den Frühaufstehern, denn ich will nichts verschwenden von meiner Lieblingszeit. Nur abends dann… da bin ich dann halt lieber daheim. Auf meinem Sofa. Es ist ja auch eigentlich bereits eine Stunde später und damit näher an meiner gewohnten Schlafzeit. Auch so ein wundervolles Winterding: Mein Bett. Und meine Bettdecke. Und meine Kissen.

Ich seufze. Schaue auf die Uhr.

„Ich weiß woran du denkst. Vergiss es“, sagt mein Winterherz.

Ich seufze trotzdem.

„Du hast nicht mal mit einer Person gesprochen.“

„Ich habe das Kölsch bestellt.“

„Das zählt nicht!“

Hätte mein Winterherz Augenbrauen würde eine davon bedrohlich zucken. Hätte mein Winterherz Hände, würde es diese in seine Hüfte pressen, hätte es eine Hüfte.

Ich sehe mich um. Die Nebentische sind leer. Winterleer. Alle auf dem Sofa, denke ich und suche nach einer Begegnung auf dem Nüsselgrund meines Kölschglases. Leer.

Ich bekomme ein volles gebracht. Alles passiert ohne ein Wort.

Die Tür öffnet sich.

Ein Mann, eine Frau. Er stolpert ihr die Tür zurecht, fuchtelt mit den Händen, als streite er mit ihrem Mantel. Sie übernimmt und setzt sich. An den Nebentisch.

Er setzt sich daneben, an den gleichen Tisch und streicht sich fusselige rote Haare aus seiner nervösen Stirn. Seine Augen wackeln durch den Raum und wenden sich doch nicht von seiner Begleitung. Ich denke, er steht auf sie.

„Deine Chance…“, flüstert mein Herz.

„Nein“, flüstere ich. „Die haben sicher ein Date. Da kann ich nicht stören. Was sollte ich auch schon sagen?“

Mein Herz stupst mich. Stupst mich feste. Mein Sofa ruft auch.

Ich sehe rüber zu den beiden. Sie glotzt auf ihr Handy. Ich lächle sie an, sie sieht es nicht und lächelt darum auch nicht zurück. Keine Chance also für ein unverfängliches Wort.

Er glotzt in die Karte. Und ich frage mich, was er erwartet, dort zu finden.

Beide bestellen ein Kölsch.

Sie reden über Dinge. Naja. Er redet. Sie redet eigentlich nicht.

„Los jetzt, Mea!“, ruft mein Winterherz. „Ist er nicht voll dein Typ? Und schlecht sieht er auch nicht aus.“

„Spinnst du“, rufe ich in mich hinein. „Ich hab dir schon gesagt, ich glaub, die haben ein Date.“

Mein Herz ist skeptisch. „Näääh. Und falls doch, kein sehr gutes wenn du mich fragst.“

„Vergiss es“, sage ich. „Da mische ich mich nicht ein.“

„Aber hast du nicht gestern noch gejammert… wähähä… ich will mich verlieben… wähäha… oder wenigstens mal wieder schwärmen. Also los jetzt Fräulein, ich will nach Hause.“

Mein Herz geht mir auf den Keks. Aber ich sehe noch mal zum Nebentisch. Und lausche. Er tut mir ein bisschen leid. Denn – nunja – ich glaube, sie hat sich gerade heimlich ein Taxi mit ihrem Handy gerufen. Ich kenne die App. Die ist super bei schlechten Dates.

Ich kann mich nicht mehr wehren und schaue ganz ungeniert, wie sich der Rothaarige um Kopf und Kragen redet. Ich mag, wie seine Lippen immer wieder neue Worte formen.

Ich bestelle noch ein wortloses Kölsch und bekomme es.

Mein Winterherz legt sich zurück. Ich fühle es.

Plötzlich höre ich vom Nebentisch und verstehe jedes einzelne Wort:

„Wusstest du, Goldstumpfnasen müssen kuscheln, um zu überleben“, sagt er.

Mein Winterherz hüpft.

Sie aber steht auf, geht und lässt ihn sitzen, als hätte es ihn gar nicht erst gegeben.

„Was ein schönes Lebenskonzept!“, sage ich.

„Ok, gut gemacht, Mea. Dann können wir jetzt gehen“, sagt mein Winterherz.

„Nicht jetzt“, flüstere ich.

„Wie bitte?“, fragt der Rothaarige.

„Das mit den Goldstumpfnasen, das wusste ich noch nicht.“

Sein Blick sagt: „Ach was“, sein Mund sagt: „Magst du noch was trinken?“

Mein Winterherz und ich nicken und setzen uns noch für ein Stündchen zu ihm und seinen Worten an den Nebentisch.

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