Juni – Alle spinnen vielleicht

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Alle spinnen vielleicht ein Bisschen – Eine Juni Geschichte

»Der Himmel weint!«, sagt Herr Burgh. Er öffnet den Verschluss seines Fahrradhelms, glotzt in den wolkenfluffigen Himmel und wedelt abwechselnd mit der linken, dann mit der rechten Hand durch mehr oder weniger zähe Regentropfen,… nur um sicher zu gehen. »Mein Onkel hat das immer gesagt.«

»Dein Onkel aus Schottland?«, fragt Herr Edin.

»Genau der.« Herr Burgh seufzt.

»Na, der muss es ja wissen. Der kennt sich schließlich aus.«

Herr Burgh und Herr Edin nicken und glotzen und seufzen und wissen nicht so recht, was sie mit dieser Erkenntnis anfangen sollen. Sie steigen von ihren Rädern und sehen sich um. Wo sind sie hier nur gelandet? Das war doch alles so nicht geplant. Wie hatte es nur so weit kommen können? Wie ist das bloß passiert?

»Weißt du wo wir sind?«, fragt Herr Edin.

»Nope. Ich habe überhaupt keine Idee. Seit Stunden sieht alles gleich aus. Wir könnten überall sein.«

»Sind wir vielleicht auch. Zeitschleife, gefangen im Orbit. Vermutlich sind wir tot.«

»Du spinnst, Herr Edin.«

Beide lachen. Es hätte schließlich schlimmer kommen können. Sie hatten sich ihren Brückentag halt einfach anders vorgestellt. Ein entspannter Urlaub, naja Kurzurlaub, hätte es werden sollen. Ein Extra-Tag ohne Arbeit, ohne Verpflichtung. Einfach eine entspannte Radtour an einem verlängerten Wochenende, ohne Ziel, mal sehen wo sie landen. Soweit der Plan. Das hatten sie jetzt davon. Dieses »Nirgendwo«, von dem ständig alle sprachen, war genau da, wo sie jetzt waren: Draußen im »Irgendwo«, da wo sie nicht wussten, in welche Richtung sie weiterfahren sollten. Sie hätten einfach ins Freibad gehen sollen. Wär auch nett gewesen.

»Pssscht… hörst du das?«, flüstert Herr Edin. Er bückt sich, als ob er in der Hocke besser lauschen könnte. Herr Burgh macht es ihm nach. Sicher ist sicher.

»Was?«, flüstert Herr Burgh und versucht leiser zu atmen, um besser zu hören. Unmöglich. Sein explodierender Herzschlag dröhnt in seinen Ohren. Er hört gar nichts.

»Da. Kommt. Jemand«, sagt Herr Edin.

»Oh gut!«, sagt Herr Burgh. Er springt auf und hält Ausschau. »Das ist unsere Rettung.«

Das Geräusch wird lauter und bald schon sehen sie am Horizont ein Gefährt. Irgendwas großes. Je näher es kommt, und es kommt verdammt schnell näher, desto rostiger wird es. Es bremst scharf und hält direkt neben den beiden Männern und ihren Fahrrädern. Nur knapp halten sie das Gleichgewicht. Die verdreckte Scheibe auf der Beifahrerseite quietscht nach unten.

»Hallöchen! Ihr seid hier fremd, richtig? Ihr habt euch verfahren, richtig? Ihr habt überhaupt keine Idee wo ihr gerade seid, richtig? Ihr habt euch das anders gedacht, richtig?«

Eine Frau schaut sie mit riesigen Augen an. Sie sieht ungewöhnlich fröhlich aus. Viel zu fröhlich. Unheimlich fröhlich. Herr Edin und Herr Burgh tauschen Blicke. Herr Edin räuspert sich.

»Richtig«, sagen beide gleichzeitig.

»Ha, wusst ich’s doch!« Die Frau haut mit beiden Händen auf ihr Lenkrad, als wären es Oberschenkel, als wäre das die Sensation des Tages. »Ihr braucht meine Hilfe, richtig?«

Herr Edin und Herr Burgh tauschen ein weiteres Mal Blicke, nur um sicher zu gehen, ob ihre Antwort »richtig« oder »nein danke« lauten soll.

Herr Burgh sagt: »Nein Danke!«

Herr Edin sagt: »Richtig!«

Verdammt! Sie tauschen Blicke, um miteinander zu schimpfen.

»Gut Männer. Ich helfe gern. Schmeißt eure Räder auf die Ladefläche und steigt ein. Ich nehme euch mit zu mir. Beeilt euch, ich habe schließlich bald Geburtstag.«

Warum auch immer, sie tun was diese Frau sagt. Wenn’s hart auf hart kommt, haben sie leichtes Spiel: Sie sind zu zweit, die Frau ist gerade mal 1,50 hoch und… Scheiße-Ja, sie haben Angst. Das verraten ihre Blicke, die sie immer wieder tauschen. Die Frau gibt Knallgas. Herr Edin und Herr Burgh wundern sich nicht, dass sie wendet und zurück braust in die Richtung aus der sie gekommen ist. Sie greift in ein Fach am Armaturenbrett und zieht ein schwarzes Gerät raus. »Tiffy 12 an Toni 47. Komme zurück. Habe Gäste gefunden. Over« Aus dem Gerät rauscht es. »An Toni 47, die Funkverbindung ist schlecht. Ich komme nach Hause. Falls du mich hörst: setz Kaffee auf, solange es sonnig ist. Over and Out« Sie scheppert das Gerät zurück ins Armaturenbrett. »Ich bin übrigens Tiffy!« Tiffy reicht beiden die Hand und verreißt dabei immer wieder etwas das Lenkrad um ein bedrohliches Stückchen. Es ist holprig. »Das ist Herr Edin. Ich bin Herr Burgh«, sagt Herr Burgh. »Oh toll, ihr kommt also aus Schottland, richtig?« »Äh, nein…« Die beiden Männer verstehen die Frage nicht. »Ach«, sagt Tiffy. »Na gut, das macht nichts.« Nach etwa 3 Minuten und 27 Sekunden bremst Tiffy scharf. Das scheint so ihre Art zu sein. »Wir sind da! Endlich, richtig?«, ruft sie. Als sich die Staub- und Schotterwolken wieder beruhigen, erkennen Herr Edin und Herr Burgh wo sie hingebracht wurden. Ein heruntergekommenes Häuschen. Winzigklein. Klitzeklein. Hölzerne Fensterläden hängen neben dreckbeschlagenen Fensterscheiben in Fetzen herunter. Die Veranda hat die besten Zeiten nie erlebt. Und ob sie die zweite Halbzeit jäh übersteht, bleibt ungewiss. Blumen, Basilikum oder Unkraut – so genau lässt sich das nicht bestimmen – ranken zügellos ohne Grund und Verstand. Es ist wunderschön, zauberschön, zum Staunen schön. Da sind sich Herr Edin, Herr Burgh und die Blicke, die sie tauschen, einig. Ja, so einen wundervollen Ort haben sie nie vorher gesehen. »Toni ist sicher noch auf seinem Hundespaziergang. Aber kommt mit, ich zeig euch alles«, sagt Tiffy und geht vor zur Eingangstür, beziehungsweise zu den Brettern, die davon übrig sind. »Oh, ihr habt einen Hund, richtig?«, fragt Herr Edin und kann sich ein Grinsen nicht verkneifen. Herr Burgh grinst auch. »Wie bitte? Was ist das für ein absurder Gedanke? Verrückt. Wie kommst du denn bloß darauf?« »Naja, weil Toni…« Herr Burgh stupst Herrn Edin in die Seite, was so viel heißen soll wie »halt bloß deine Klappe« und Herr Edin spricht den Satz nicht zu Ende. »Sei’s drum«, sagt stattdessen Tiffy. »Wo sind wir hier?«, fragt Herr Burgh. »Wie schön, dass du fragst, Herr Burgh!« Tiffy streckt sich, breitet die Arme aus, dreht sich um die eigene Achse. Alles in bedeutungsschwangerer Zeitlupe. »Dies, meine Herren, ist Tiffys und Tonis Bed & Breakfast Resort, Spa und Wellnessoase.« Stille. Diese Offenbarung hat gesessen. Die drei stehen sich schweigend gegenüber. Tiffy nickt. Herr Edin und Herr Burgh glotzen. »Aber kommt doch rein bevor der Regenschauer losgeht.« Drinnen ist das winzige Haus noch kleiner, als es von außen versprach. »Wie ihr unschwer erkennen könnt, dieses herrschaftliche Anwesen war früher einmal ein Elefantenhaus.« Herr Edin und Herr Burgh prusten, denn Tiffy musste einfach einen Spaß gemacht haben, und da dann nicht drüber zu lachen, ja… das wäre grob unhöflich. »Ihr glaubt, ich mache Witze, richtig? Ihr denkt, ich wäre verrückt, richtig? Ihr glaubt, ein Sonnenbrand hätte mein Gehirn geschmolzen, richtig? Ihr… Ihr…spinnt alle vielleicht selbst ein Bisschen, richtig?« Sie sieht zu Boden und atmet schwer aus. Herr Edin und Herr Burgh müssen noch mal tüchtig Blicke tauschen. Sie wollten Tiffy nicht verärgern. Nicht nur aus Sicherheitsgründen. Sie hat ihnen schließlich an diesem aussichtslosen Nirgendwo-Ort geholfen und sie mit hergenommen… an diesen bezaubernden Irgendwas-Bed-Resort-Spa-und-Wellness-Breakfast-Ort. »Tiffy, ist alles in Ordnung?« Tiffy schweigt. Mit ihren Schuhen zieht sie schmollende Kreise in den staubigen Holzfussboden. »Hey, Tiffy. Du sagtest, du hast bald Geburtstag, richtig?«, fragt Herr Edin. Die schmollenden Staubkreise stoppen. »Wollen wir nicht alle zusammen in deinen Geburtstag hineinfeiern?« Tiffy blickt auf. Sie lächelt. Herr Edin und Herr Burgh wird warm ums Herz. »Toni und ich wollten gleich Grillen. Wir haben genug. Es reicht für Gäste. Toni müsste gleich zurück sein…« »…Von seinem Hundespaziergang.« »Genau.« In diesem Moment öffnet sich die Kellertür hinter Tiffy. »Hey Baby, da bin ich wieder«, sagt ein beeindruckend hochgewachsener Mann und drückt ihr einen Kuss auf die Stirn. Er hat wirklich keinen Hund dabei. »Toni, endlich, das sind Herr Edin und Herr Burgh, sie kommen nicht aus Schottland.« Sie schütteln alle Hände zur Begrüßung. Das muss der Beginn einer wunderbaren Freundschaft sein, denken Herr Edin und Herr Burgh und Tiffy und Toni gleichzeitig, ohne es voneinander zu ahnen.

Es ist beinahe schon tief in der Nacht, Fledermäuse knabbern die ersten Eichenprozessionsspinner-Raupen von den Bäumen, die Glut der Grillkohle ist lange erloschen. Die Freunde sitzen auf der ausgemergelten Veranda bei Bier, Wein und kalten Bratwürstchen als der Regen wieder beginnt. »Der Himmel weint!«, sagt Herr Burgh, ohne mit seinen Händen danach fühlen zu müssen. »Das sind Freudentränen, richtig«, sagt Tiffy. Dem ist nichts mehr hinzuzufügen, da sind sich alle einig.

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