November – 74 Prozent

Eure November-Worte sind:

Winterreifenwechsel, Volbeat, Norddeich, Eurolotto, grau, Kamin, Buttercremetorte, Schaschlik, Haselnusskrokant, Schimmelreiter, Schatzkarte, Schraubzwinge, Neustart, Plattensammlung, Jesus, Nostalgie, Flaschenzug, Kirschblüten, Halskratzen, Bunt, Kürbiskuchen, Arbeitsunwilligkeit, Schreibwahnsinn, Durchschlafvermögen, Baum, Lampe, Leiter

Vielen lieben Dank dafür!

Zur Geschichte. Vielleicht erinnerst Du Dich noch an Oma Clara, die erstmal Musik anmachte. (Nachzulesen im Kurzgeschichtenband “Kurz mal raus”) Clara ist eine bezaubernde ältere Dame, die mir sehr ans Herz gewachsen ist. Kein Wunder also, dass ich ihr doch mal wieder eine Geschichte widmen mag.

Außerdem reise ich in Gedanken noch einmal zurück ins wundervolle Matalá auf Kreta und nehme Eure Worte mit. 😉

74 Prozent

Clara befand sich am Abgrund. Und sie war überzeugt, es lag nicht an ihrem spontanen und winterreifen Wechsel der Jahreszeit, vom nasskalten Bergisch Gladbach ins sommerliche Matalá. Auch nicht an ihrem fehlenden Durchschlafvermögen der letzten Nächte. Nein, es war einfach keine clevere Idee, Siri entscheiden zu lassen, mit welcher Musik sie an diesem Urlaubstag geweckt werden sollte. 

Siri wählte Volbeat, auf voller Lautstärke.  

»Hey Siri«, rief sie nun, wie sie hier an ihrem Abgrund saß. »Du bist gefeuert!« 

»Wirklich?«, fragte Siri. 

Zynisches Miststück, dachte sie und hasste ihn noch ein klein wenig mehr. Sie schaltete ihr Handy in den Flugzeugmodus. 

Clara begutachtete ihre Lage. Ausweglos. Vor ihr spitze Felsen, neben ihr graues Geröll, ganz unten der Strand. Na gut, vielleicht würde sie weich fallen? 

Sie schaute nach oben. Noch mehr Felsen, die sich kamingleich der Sonne entgegenstrecken. Steil und sandig. Meine Güte, wie hatte sie es nur so weit geschafft, ohne abzustürzen? 

Sie besah ihren maroden Körper. Wunderschön und sonnengebräunt. Aber auch das nützte ihr wenig. 

Sie war sich zu 74 Prozent sicher, dass sie den Überstieg der Berge bis zum RedBeach schaffen würde, obwohl sie alle, inklusive des Hotelmanagers, davor gewarnt hatten. Aber 74 Prozent war keineswegs eine willkürliche Zahl gewesen. Clara entschied alles immer anhand der prozentualen Wahrscheinlichkeit und ist damit bisher wunderbar durchs Leben gekommen.  Zum Beispiel war sie mit 24 Jahren zu 24 Prozent sicher, das Buttercremetorte mit Haselnusskrokant köstlicher sei als Kürbiskuchen. Mit 60 steigerte sich diese Annahme zu ihrer großen Freude entsprechend, und bereits ein Jahr später ergänzte sie, dass ein Döner zu 61 Prozent nahrhafter sei als Schaschlik mit Pommes. Mit 54 war sie zu 54 Prozent sicher, dass sie selbstverständlich ohne Leiter auf den Baum im Stadtwald klettern könne, ohne sich was zu brechen. Ach, und mit süßen 16 war sie nur zu 16 Prozent davon überzeugt, dass Arbeitsunwilligkeit keine gute Begründung für Schulschwänzen sei. 

Tja, und mit 74 war sie zu 74 Prozent sicher, dass der Weg zum RedBeach ein Kinderspiel werden würde. 

Jetzt hing sie hier und wusste, es war zu 74 Prozent ihr Ende. 

Natürlich wusste sie, dass sie vermutlich niemals 100 prozentig richtig entscheiden würde. Aber die 90 hätte sie schon gern irgendwann geschafft. 

Nun gut, sei’s drum, dachte Clara. 

Vor sich, allerdings viele Meter weit entfernt, toste die wundervollste Bucht von Matalá. Es klang wie Applaus. 

Vielleicht hätte sie sich doch für Norddeich entscheiden sollen. Schön flach. Seniorengerecht. Quasi. Clara lachte. So ein Unsinn. 

Ihr Bikinioberteil drückte. Sie löste mit einer Hand die Schleife, zog ihn gekonnt wie eh und je durch ihr Strandkleid. 

Bevor ich abtrete, will ich der Menschheit etwas hinterlassen, dachte sie und besah sich das bunte Stückchen Stoff. 

Clara schüttelte ihren Kopf und steckte ihn tief nach unten in den Rucksack. Dort fand sie einen Zettel, genauer gesagt den halbausgefüllten Schein vom Eurolotto und einen Bleistift. 

»Ich werde letzte Worte notieren. Die Menschen müssen bescheid wissen. Ich muss sie warnen«, sagte sie nicht ohne ein merkliches Halskratzen zu verspüren. 

Doch was sollte sie schreiben, was ihr nicht post mortum als Schreibwahnsinn ausgelegt werden würde?

Sie schrieb: 

»Liebe Leute, die Schatzkarte des Lebens besteht NICHT aus Momenten, wie es immer wieder heißt. Momente sind Nostalgie und Nostalgie ist ein Plage. Euer Leben besteht einzig und allein aus Entscheidungen. Befreit Euch aus der Schraubzwinge des Haderns, seid immer die hellste Birne in einer Lampe und trefft Entscheidungen! PS: Meine Plattensammlung vermache ich Iggy Pop, denn er soll wissen, wie sehr ich ihn geliebt habe.« 

Nun schloss sie ihre Augen, um sich ihrem Schicksal zu ergeben. Sie erwartete keinen Schimmelreiter mit Flaschenzug, keinen Neustart des Tages. Sie lauschte, ob eine jesusgleiche Stimme sie zu sich rufen würde.

Doch alles was ihr durch den Kopf schoss war, dass sie sich eigentlich am 2. Dezember zu 75 Prozent sicher sein wollte, dass ein Kirschblüten-Tattoo auf ihrem Dekolleté eine prima Idee ist. 

Sie seufzte. Dann weckte sie eine Stimme. »Jesus«, rief sie.

»Nein, nein«, sagte ein älterer Herr, sonnengebräunt und wunderschön. »Ich war mir zu 69 Prozent sicher, dass ich hier oben jemanden gesehen habe. Und siehe da… ich hatte recht!« Er lächelte. »Kann ich Ihnen nach unten helfen?«

Und Clara war sich zu 74 Prozent sicher, dass das eine Gute Idee war. 

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