Oktober – Herbsthelles Heroin

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Herbsthelles Heroin

Sie und ihr Schmetterling erwarteten einen Sonntag wie er im Buche stand. Kein im Feuilleton besprochenes Werk, weit entfernt jemals ein Bestseller zu werden, aber ein durchaus und nicht ganz ohne Stolz behaupteter Klassiker. Zumindest in ihrer beider Welt. So ein Sonntag beginnt in der Nacht von Samstag. Ein unterbrochener nicht nennenswerter Schlaf weckte sie um dreiuhreinundzwanzig. In solchen Nächten ist nichts. Und nichts ist ihnen das Nächste. Nur zwei schweigende Blicke aus dem Fenster in die Nacht des näher kommenden Sonntags und die tiefe Verbundenheit mit all den anderen Sternenguckern. Ja, sie waren sich ihrer bewusst, ohne sie namentlich zu kennen. Diese Ahnung reichte ihnen, um zurück in den Schlaf zu finden. Für wenige Stunden. Denn ein Sonntag beginnt früh. Ohne Absicht immer gegen siebenuhrdreißig. Mal etwas früher, mal später. Aber immer ist die Uhrzeit egal. 

»Guten Morgen«, sagt ihr Schmetterling und nimmt auf ihrer Schulter platz. 

»Nanu, was tust du hier? Willst du meinen Bauch verlassen?«, fragt sie. 

»Es ist einsam da. Es gibt nichts für mich zu tun. Es ist langweilig«, sagt er nicht ohne Anklage in jedem seiner Flügelschläge. Seine kleinen Flügelgelenke knacken, denn er bewegt sich zu selten.

»Lass gut sein, heut ist Sonntag. Mein Sonntag. Unser Sonntag. Den brauchen wir.« Sie stupst ihn zärtlich. 

Seine knackenden Flügel streicheln über ihre vom Kissen zerknautschte Wange. 

»Du brauchst Physiotherapie«, sagt sie. 

»Psychotherapie, wenn du so weiter machst, Fräulein«, sagt er und kuschelt sich an ihren Hals. 

Eine einsame Tasse Kaffee trödelt in aller Gemütlichkeit durch die Maschine und die Stille ihrer Wohnung. 

»Möchtest du auch einen?«, fragt sie und grinst zum ersten Mal an diesem Tag. Schlaf fällt aus ihren Augenwinkeln und körnt zu Boden. 

Der Schmetterling findet sie nur selten witzig und antwortet deshalb nicht.

Ein Toast mit Käse und Kirschkonfitüre begleitet sie und ihren Kaffee zum Sofa. Der Schmetterling müht sich hurtig hinterherzuflügeln. 

Ein Blick auf ihr Handy. Facebook, Instagram, sogar Twitter wissen nichts zu berichten. Nichts Neues. Nichts Altes. Ein paar Benachrichtigungen zu Veranstaltungen, die sie eh nicht besuchen wird, werden von ihr deaktiviert. Kein Gefühl dazu. Nur eine weitere nicht nennenswerte Aktion.

»Wollen wir ein Foto von uns beiden posten?«, fragt er. 

»Warum?« 

»Damit sie sehen, dass du noch lebst und einen Schmetterling übrig hast«, sagt er.

Sie legt ihr Handy weg.

Mit dem ersten Biss in weiches Brot schaltet sie den Fernseher ein, denn zu einem Sonntag wie er im Buche steht gehört für sie: Tele Akademie. Eine Sendung allergrößter Verstaubtheit. Eine Schrulle aus alten Tagen. Eine Ansprache, die ihr oft wohltut. Impulse gibt für ihr Sein und Denken. Thema der heutigen Folge: »Kollaps – Was wir aus dem Untergang menschlicher Gesellschaften lernen können«. Es spricht dazu Prof. Dr. Jared Diamond, Dozent für Geographie an der Universität von Kalifornien in Los Angeles. 

Jared Diamond, schöner Name, denkt sie und schaltet den Fernseher aus. Die Stimme des Professors fängt sie nicht ein. Das macht nichts. 

Die erste Zigarette dreht und raucht sich wie von allein. Sie stehen an dem Fenster, an dem sie in der Nacht schon standen. Sie blickt dem Rauch hinterher, der sich schwer und träge durch den Dunst der frühen Stunde trägt. Der Schmetterling dreht Kreise um ihren Kopf, durch den Rauch und wieder zurück. 

»Genießt du deinen Sonntagsausflug?«, fragt sie.

»Ich würde es mehr genießen, wenn…« 

»Halt den Mund«, sagt sie. 

Sonst ist es noch so still wie in der Nacht. Nur heller ist’s. Herbsthell. In den ersten Stunden eines Sonntags ist sie ein zeitloses Gewächs. In den ersten Herbsttagen besonders. Herbstzeitlose sind ein tödliches Gift aus der Natur, denkt sie und schließt das Fenster. 

»Warte hier«, sagt sie zum Schmetterling. »Bin gleich zurück.« 

»Mal sehen«, antwortet er und schmettert seine Flügel Richtung Fensterbank. 

»Bitte«, sagt sie und sie hofft sehr, dass er bleibt, zumindest um ihren Dank zu ernten. Sie möchte ihn behalten. Wirklich. Auch der kommenden Sonntage zu liebe. 

Der Kühlschrank brummt sein Lied, um auf Temperatur zu kommen. 

Sie stellt die Heizung an, geht ins Bad, duscht ohne Zeitgefühl, bürstet sich die Locken glatt. Auch wenn niemand außer ihr Schmetterling sie heute sehen wird.

Als sie ihren Bademantel gegen Kleidung tauscht, die sich wenig von der Wäsche unterscheidet, die sie in der Nacht so trägt, ist sie im Sonntag angekommen. 

Der Tag wird bewusster.

Der Schmetterling ist noch da und wartet am Fenster auf sie. 

»Komm schnell, du… das musst du ansehen«, sagt er. 

Sie stellt sich neben ihn und schaut in die Richtung in die ihr Schmetterling flügelt. 

Sie beobachten wie der Wasserspaniel des Nachbarn ein Eichhörnchen durch Matschepfützen scheucht. Der Nachbar kämpft, um nicht seine Laune zu verlieren.

Er ist ein Einzelkämpfer, so wie ich, denkt sie. Ob er noch einen Schmetterling hat? 

»Ob er noch einen Schmetterling hat?«, fragt ihr Schmetterling.

»Hör auf damit, sonst hetze ich den Teppichklopfer auf dich«, sagt sie und schließt das Fenster. 

»Apropos…hetzen. Jetzt beginnen die wankelmütigen Stunden unseres Sonntags. Das ist dir bewusst, ja?« 

Ja, es ist ihr bewusst. Denn so ist das an Sonntagen, die so sind, wie sie im Buche stehen. Die Zwischenzeit entscheidet, wie der Tag enden wird. Als Häufchen Elend in Löffelchenstellung auf dem Sofa, wobei sie immer der große Löffel sein muss. Oder in Suppenkasper Manier, Sushi mampfend, Friedenspfeife rauchend bis ihr der nächste Morgen graut. 

Sonntage im Herbst und wie sie diese mit ihrem letzten Schmetterling verbringt, sind da keine Ausnahme. Im Gegenteil. Sie sind sogar wegweisend für alle letzten Sonntage des Jahres. Sie sind die Generalprobe für das, was bald schon von der herbstlichen Kür zur winterreifen Pflicht wird. Sonntage im Herbst, nicht der Einheitsbrei der Tage dazwischen, entscheiden, wie sie beide den Winter überstehen. Und aus Erfahrung weiß sie, sie braucht einen kräftigen Schuss herbsthelles Heroin für die unaufhaltsamen dunklen Zeiten. 

Das Klingeln ihrer Haustür unterbricht die wankelmütigen Stunden auf ungewohnte Art und Weise. Das Öffnen der Tür gleicht so wie nie einer Kardioversion.

Herzverschlagen.

Sinusrhythmus. 

»Guten Tag, ich möchte nicht stören«, sagt ihr Nachbar mit wildweinrotem Gesicht. »Ich war gerad mit meinem Hund unterwegs und… da hab ich Sie gesehen. Und… mein Schmetterling, mein letzter, müssen Sie wissen, ziemlich nervig manchmal… naja, lange Geschichte, mein Schmetterling meinte auf jeden Fall, ich solle doch mal bei Ihnen klingeln…nun…und da bin ich.« 

Herbsthelles Heroin, denkt sie. 

»Ja«, sagt sie. »Kommen Sie doch rein. Mein Schmetterling und ich wollten gerade Sushi bestellen.« 

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