sieben – Backen im Advent

#Liebeskummer #Katze #SingleMalt

Er hatte sich das irgendwie anders vorgestellt. Fetziges Backen im Advent, hieß es. Lerne jetzt andere Singles aus deiner Region kennen, versprachen sie. Irgendwie hatte er sich das schön vorgestellt, lustig oder eben »fetzig«. Zumindest lecker hätte es werden können.

Und jetzt… naja… Gebacken wird mit Zucchini-Raspeln und Karotten-Trester.

»Weißmehl kommt mir gefälligst nicht unter das Nudelholz«, sagte Backfee Stefanie zu Beginn des Kurses und zückte eine Packung Dinkel, Vollkorn, zum Selbstmahlen. 

Da hätte er rennen sollen. Schnell und weit.

»Andreas mochte immer die mit Füllung«, flüstert eine mit glasigroten Augen, greift ein Stück Küchenrolle und schnäuzt die Nase.

Ein anderer Single malt gelangweilte Kreise oder verunglückte Herzen in verschüttete Zuckerbrösel. 

»Siebzehn Dates… und jetzt das!«, sagt eine andere Alleinstehende und kloppt einen Stern-Ausstecher in die ausgerollte Gemüsematsche. 

Die mag er und stellt sich daneben. 

»Siebzehn?«, fragt er und schnappt sich den Tannenbaum-Ausstecher, denn gemeinsam kloppt es sich doch gleich viel schöner. 

»Mehr oder weniger«, antwortet sie und zeigt auf das selbstgemahlene Dinkelmehl. »Du musst den Ausstecher erst da reintunken, sonst verkleistert dir die Scheiße alles.«

»Du hast schon so einen Kurs besucht?« 

»Nee, aber ich lerne schnell.«  Sie lächelt und pustet sich eine Strähne aus dem Gesicht. 

»Warum bist du hier?«, fragt er. 

»Die Frage ist doch eher, warum bin ich noch hier«, sagt sie und grinst. »Ich geb die Hoffnung nicht auf.«

»Und? Was hoffst du hier zu finden?« 

»Tja, weißt du, das ist nicht so leicht zu beantworten. Ich bin jetzt schon recht lange Single. Und bin es eigentlich sogar ganz gern.« 

»Ach was!?« 

Sie pausiert die Ausstecherei und besieht sich ihr Sternenmeer.

»Meiner Erfahrung nach…« 

»Du meinst die siebzehn anderen Dates?«

»Auch das. Also es gibt zwei Arten von Singles. Zum Einen sind da die frisch Beziehungsgescheiterten.«

»Wie die da vorn mit der Küchenrolle?« 

»Zum Beispiel. Die Arme gehört eigentlich mit einer großen Packung Eiscreme aufs Sofa. Sie sollte ihren Liebeskummer mit möglichst vielen Kalorien betäuben. Die ist noch nicht soweit, um auf die Menschheit losgelassen zu werden.« 

»Wow, ganz schön hart. Vielleicht wollte sie es einfach mal probieren, ob sie schon soweit ist. Und jetzt merkt sie es selbst.« 

»Pah, na super. Und was jetzt? Jetzt – nach dem offensichtlich gescheiterten Versuch – redet sie sich ein, dass sie irgendwann als einsame, alte Frau sterben und ihr Leichnam anschließend von ihren zwölf Katzen aufgefressen wird.« 

»Ey, nichts gegen Katzen!« 

»Zwölf hungrige Katzen.«

Er hat das dringende Bedürfnis der Frau mit der Küchenrolle aufmunternd auf die Schulter zu klopfen oder mal kurz zu drücken. Er widersteht diesem Impuls. So aus dem Kontext, könnte es doch eher verwirren. Also fragt er weiter: »Und die andere Art Single?« 

»Das sind die, die angekommen sind, die keinen Fixstern oder eine Sonne suchen, die es gelernt haben, sich alleine zu genügen.«

»Dazwischen gibt es nichts?« 

»Doch. Siebzehn Dates!«

»Und ein Kurs bei Backfee Stefanie?« 

»Genau.« 

Er braucht einige Sekunden, um all die neuen und andersartigen Informationen zu verarbeiten. Er fragt sich, zu welcher Art Single er gehört. 

»Müssen es genau siebzehn Dates sein?«

»Ich glaube nicht, aber ungefähr.«

»Okeh. Verstehe. Das ist eine interessante Theorie.«

»Nicht wahr«, sagt sie. Sie schnappt sich ein Backblech mit Gemüsesternen und schiebt es in den von Backfee Stefanie vorgeheizten Ofen. 

»Aber zurück zur Frage: Warum bist du dann noch hier?« 

»Wie gesagt, ich gebe die Hoffnung nicht auf.« 

»Die Hoffnung auf was?« 

»Einen zu finden, der angekommen ist, der keinen Fixstern oder eine Sonne braucht, der es zu schätzen weiß, Zeit zu verschwenden – bei bescheuerten Backkursen zum Beispiel. Einen, der sein eigenes schönes Leben um eine Attraktion, also mich, bereichern möchte.«

Er ist sprachlos, verwirrt und fasziniert gleichzeitig. So eine Person ist ihm wirklich noch nie begegnet. Er findet definitiv Gefallen an ihren absurden Theorien. 

Jetzt muss er nur noch herausfinden, ob er eine Sonne sucht, oder einen Fixstern, oder vielleicht sogar auch einen Lieblings-Zeitverschwender.

Kurz gesagt: Er fragt sich, wie viele Dates er noch brauchen wird, um hoffentlich zur zweiten Art Single zu gehören. Bis er die Antwort gefunden hat, kauft er sich Kekse und zur Sicherheit eine große Packung Eiscreme im Supermarkt. 

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