Videochat mit Niemand

Wenn Neumond ist, dann spielen meine Gedanken oft Theater. So unfassbare Gedanken sind das dann. Hier ein Beispiel:

Videochat mit Niemand

Der Moderator betritt den virtuellen Raum zuerst. Klar, er ist der Host.
Jemand und Niemand warten getrennt voneinander im Warteraum.
Zuerst bittet der Moderator Niemand hinein.
»Hören Sie mich?«, fragt er.
Niemand ist bereits zu sehen, auch wie er seinen Mund bewegt.
»Sie müssen auf das Mikro klicken, unten links. Stummschalten aufheben.«
»Hallo? Ich seh noch nichts. Ist da jemand?«, fragt Niemand.
»Nein. Jemand wartet noch. Ich wollte zuerst mit Ihnen allein sprechen. Schön, dass Sie da sind«, sagt der Moderator.
»Nun, ich hatte ja keine Wahl.«
»Das stimmt.« Der Moderator lacht eine kleine Weile. Alleine.
Niemand findet es nicht lustig.
»Aber warten Sie nur. Jemand kommt gleich. Dann sind wir komplett und dann…«
»Und dann was?«, fragt Niemand.
»Wird sich Ihr Leben ändern. Oder zumindest Ihre Stimmung heben. Darauf möchte ich wetten.«
»Hm«, sagt Niemand. Mehr nicht. Was sollte er auch sagen?
»Vertrauen Sie mir!«
»Aber ich kenne Sie doch gar nicht. Ich sehe Sie nicht einmal.«
»Keine Sorge, ich stell mich gleich vor. Sobald Jemand da ist.«
»Schon klar«, sagt Niemand. Er reibt sich die Augen, als kämpfe er gegen Kopfschmerzen, die sich mit voller Wucht vor seine Netzhaut drücken. »Verraten Sie dann auch, was das ganze Theater hier soll?«
»Nur Geduld. Vorab eine Frage an Sie: Haben Sie ein Gänseblümchen oder eine Pusteblume dabei? Zur allergrößten Not gingen auch Seifenblasen.«
»Was? Wollen Sie mich jetzt verarschen?«
»Nein, nein. Schon gut. Aber es stand so auf der Einladung.«
»Einladung? Nette Formulierung.« Niemands Augen schmollen, bis er sie reibt.
»Schauen Sie doch mal direkt in die Kamera. Und lächeln Sie. Immer schön lächeln.«
»Ich glaub es hakt!« Niemands Augen ballen sich zu Fäusten.
»Nagut. Ich will Sie auch gar nicht unnötig lange auf die Folter spannen.«
»Ach.«
Der Moderator lässt Jemand eintreten.
Jemand betritt den Raum.
…Audioverbindung wird hergestellt…
Jemand bewegt den Mund.
»Niemand hört Sie!«, sagt der Moderator und macht wilde Gesten vor seinen Ohren.
»Nein, ich höre nichts«, sagt Niemand.
»Unten links, das Mikrofon.«
»Hallo? Hört mich denn niemand?«
»Doch, jetzt höre ich Sie«, sagt Niemand und reibt sich seine Augen – diesmal als könne er ihnen nicht trauen. »Und ich sehe jemand. Endlich.«
»Schön, dass wir jetzt alle verbunden sind. Bitte verzeihen Sie, dass wir Sie so überrumpelt haben.«
»Das kann man wohl sagen!«, sagt Niemand.
Jemand nickt und nippt an einer Tasse – vielleicht – Kaffee.
»Aber wer ist überhaupt wir?«, fragt Jemand.
»Gute Frage. Wichtiger Punkt. Dazu komme ich jetzt.«
Niemand rollt die Augen. Niemand beobachtet Jemand. Jemand rollt ebenfalls die Augen, aber zwinkert ihm gleichzeitig zu. Niemand war sicher: Ja, das war ein Zwinkern, und ein luftschlossschönes Augenrollen.
»Ich darf mich vorstellen: Universum mein Name. Meine Kolleginnen Zufall und Schicksal haben es heute leider nicht geschafft, so müssen Sie mit mir vorlieb nehmen. Nichtsdestotrotz…« Das Universum macht eine gedankenschwangere Pause. Viel zu lang für Niemands Geschmack.
»Ja?«, fragt Niemand.
»Ja?«, fragt Jemand und nippt und zwinkert.
»Nichtsdestotrotz…die Situation ist – in Ihrer beider Interesse – dringend. Und da Zufall und Schicksal mit Ihnen bisher wenig Erfolg gehabt haben, und Glück, die alte Knalltüte, sich in Quarantäne befindet, nehme ich es selbst in die Hand. Wir haben uns heute versammelt, weil Niemand vor einiger Zeit eine brennende Frage an mich richtete.«
»An Sie? Aber ich kenne Sie doch gar nicht.«
»Doch, erinnern Sie sich bitte zurück: Kurz bevor Sie schlafen gehen. Oder wenn Sie morgens aufwachen. Wenn Sie aus dem Fenster glotzen. Wenn Sie Sterne zählen und den Mond anschauen, oder ein Gänseblümchen pflücken und immer wenn Sie eine Pusteblume pusten, oder…«
»Ja, ja, schon gut«, flüsterte Niemand. »Ich erinnere mich.«
»Möchten Sie Ihre Frage einmal selbst wiederholen.«
»Nein, nein, machen Sie nur«, sagt Niemand und reibt sich die Augen, als könne er verbergen, was darin zu sehen wäre.
»Ich möchte die Frage gern hören«, sagt Jemand und Niemand hätte es vor lauter Augenreiben fast nicht gehört.
»Das glaube ich gern. Dazu kommen wir gleich«, sagt das Universum und lacht eine kleine Weile. Alleine. Niemand fand auch das nicht lustig.
»Also weiter. Die Frage an sich, ist gar nicht das eigentlich Besondere und schon gar nicht der alleinige Grund meines Eingreifens und unseres Meetings. Damit komme ich zu Ihnen.«
Niemand beobachtet Jemand. Er fände es gerade sehr beruhigend, wenn Jemand zwinkern würde. Nur so für ihn.
Jemand schwieg.
»Sie haben die Gänseblümchen nicht gepflückt, die Pusteblume nicht gepustet. Aber Sie stellen sich regelmäßig unter den Mond, egal wie voll, oder vor einen Spiegel und behaupten dann etwas, was Sie abends nicht einschlafen und morgens nicht wirklich aufwachen lässt.«
»Was denn?«, ruft Niemand.
Jemand zwinkert noch immer nicht.
»Du zuerst!«, ruft Jemand.
»Stop!«, ruft das Universum. »Ich lasse Sie dafür jetzt allein. Zufall und Schicksal brauchen Sie nun auch nicht mehr. Bei weiteren Problemen, wissen Sie ja wie Sie mich erreichen. Genießen Sie das Gespräch.«
»Wie ‚Gespräch‘?«, fragen Jemand und Niemand zugleich.
»Ach, damit habe ich nicht gerechnet. Ich dachte, ab jetzt schafft ihr es allein?«
»Nein, ich habe keine Pusteblume dabei.«
»Und ich keinen Spiegel.«
»Also schön.« Das Universum macht eine seiner gedankenschwangeren Pausen. Dann lacht es eine kurze Weile, bevor es weiterspricht: »Niemand fragt sich, ob jemand ihn liebt. Jemand behauptet, dass Niemand sie liebt. Und jetzt los, ihr zwei hübschen…«
Das Universum verlässt den virtuellen Raum.
Zurück bleiben, etwas ratlos, aber flitzebogengespannt, ein Niemand und eine Jemand.
Jemand zwinkert und wird allmählich rot.
Niemand macht große Augen und wird allmählich rot.
Was Jemand und Niemand ab da besprechen, bleibt geheim. Aber beide fühlen sich mit Sicherheit ab heute weniger allein.

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