#Filterkaffee #Wunder #Kettenreaktion

Seltsame Vorfälle fünf

DreiWorte von Ellen Rennen @textpertin: #Filterkaffee #Wunder #Kettenreaktion

»Ich bin langweilig, ein irgendjemand, die tragische Gestalt in einer komischen Oper. Jemand, der das Besondere immer nur herbeisehnt und verliert«, sagte er und stocherte mit dem Löffel auf sein Müsli ein, als wäre der Löffel ein Schwert oder zumindest ein wenig gefährlich wie eine Gabel.
»Wow«, sagte ich. Mehr nicht. Was hätte ich darauf auch sonst sagen sollen. Noch vor meinem ersten Schluck Kaffee.
»Ne, eben nicht ‚wow’«, flüsterte er.
»Möchtest du vielleicht erstmal einen Kaffee?«, fragte ich und füllte seinen Becher bis oben voll. Ich selbst schenkte mir natürlich auch einen ein. Ich benutzte den größten Becher den ich auf die Schnelle finden konnte. Ich ahnte, wir befanden uns gerade erst am Anfang einer unaufhaltsamen Kettenreaktion. Stein des Anstoßes war vermutlich sein Leben selbst.

Ich wusste ja um seine seltsamen Frühstücksmomente, doch damit hatte ich ausgerechnet an diesem Morgen nicht gerechnet. Auch gerade deshalb vorfreute ich mich auf das unaufhaltsame Finale.
»Ich glaube, ich bin Filterkaffee«, sagte er und schob sich einen Löffel Müsli in den Mund, als wäre es Gift oder zumindest ein klein wenig versalzen.
Mir gab er damit ausreichend Gelegenheit, die von ihm erwartete Rückfrage zu stellen. Also nahm ich Anlauf und atmete und fragte: »Filterkaffee?«
Er schluckte schwer und nickte und schluckte auch noch den Rest, um gedankenschwere Kreise mit seinem Löffel in die Luft malen zu können, als wäre er ein Dirigent oder zumindest ein malendes Vorschulkind.
»Alles was es von mir einmal gab, wurde in einen Filter gepresst und mit einem Schwall kochendem Wasser übergossen. Übrig blieb eine schwarze bittere Brühe. Ich bin Filterkaffee.« Er umarmte seinen Kaffeebecher zum Trost mit beiden Händen. Er zog einen Schluck Kaffee zusammen mit einem Hauch Luft ein und zischte einen klagenden Ton durch seine schmerzempfindlichen Zähne.
»Heiß?«, fragte ich, obwohl ich die Antwort natürlich kannte.
Er nickte und betrübte sich mit dieser Erkenntnis noch ein kleinwenig mehr.
»Nun denn«, sagte er. »Was steht an, was verdammt noch Mal muss ich heute alles erledigen?«, fragte er und legte den Müslilöffel endgültig zur Seite, als wäre er ein Ausrufezeichen oder vielleicht ein ungespitzter Stift, der verzweifelt versuchte einen Punkt zu machen.
»Nichts!«, sagte ich und flötete es innerlich.
Ich sah wie die Information ihn nur langsam und in Teilmengen erreichte. Die Zündschnur brannte.
»Nichts?«, fragte er.
Ich wunderte mich nicht über diese Sicherheitsfrage. Ich verstand es. Ich konnte es nachvollziehen. Mir würde es vermutlich und ganz sicher ähnlich gehen, wäre ich heute an seiner Stelle gewesen. Und wäre ich an ebendieser seiner Stelle gewesen, würde ich mir eine nähere Erklärung wünschen. Ich würde sie regelrecht brauchen, um es zu verstehen, was gerade passierte. Nichts sagte ich also in diesem Moment lieber als: »Heute ist Sonntag, mein Schatz.«
Seine Arme folgen gleichzeitig und mit geballten Fäusten in die Luft, als wäre er Sieger oder zumindest viel größer als er sich gerade eben noch gefühlt hatte.
»Oh mann«, sagte er mit all seiner Erleichterung. »Wie hältst du es nur mit aus?«
»Hm, vermutlich liebe ich Filterkaffee«, antwortete ich und sah ihn an, als wäre er mein Wunder oder zumindest ein kleinwenig wunderbar.

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