Freude Anstrengung Loslassen

Gedankenbrausen sechs

DreiWorte von Martina Hecht: #Freude #Anstrengung #loslassen

»Stell dir vor, du wärst das Mädchen mit dem roten Ballon«, sagt sie. Ihre Hand liegt dabei in meinem Rücken, als gehörte sie schon immer dahin.
»Aber ich bin ein Mann, kein Mädchen.« Einfach mal wieder Humor beweisen, im Angesicht meiner aktuellen Lage und meiner verheultverquollenen Augen. Ich möchte tapfer sein. Nase hochziehen und durch.
»Oar, echt jetzt? Du musst nichts beweisen, mir schonmal gar nicht, das weißt du?«
Ich nicke und weine weiter, noch ein wenig lauter als vorher.
»Gut so, lass es raus. Nimm dir deine Zeit und lass dir nicht immer von deinen Kumpels einreden, du müsstest endlich loslassen.«


»Sie meinen es doch nur gut mit mir.«
»Bullshit. Das sind getarnte Worte. Anklage und Befehl. Weil sie schwach sind. Oder hilflos.«
»Du bist nicht schwach«, sage ich und lächle schief, weil gerade nicht geht.
»Nein, heute mal nicht.« Ihre Hand wird wärmer in meinem Rücken und ich weiß, was sie meint. Sie ist für mich da.
»Aber loslassen ist wichtig«, sage ich.
»Ja, das stimmt. Aber nicht wenn andere es dir befehlen. Nimm dir deine Zeit. Hörst du? Es ist ok noch nicht loszulassen, wenn du noch nicht soweit bist. Du heilst, das allein ist wichtig, damit du wieder bei dir ankommst. Und nur bei dir. Bei dir ist es doch so schön.«
Wenn sie mich so ansieht, mit ihrer Hand in meinem Rücken, weiß ich, sie hat recht. Sie erlaubt mir mich stark zu fühlen, in meinem Schwachsein. Und ich weiß, dass ich schon mal angekommen war, bei mir. Es ist gut anzukommen, nicht bei jemand anderem, sondern bei mir selbst. Doch gerade weiß ich nicht wo ich bin und auf mich warte. Alles fühlt sich so an, als würde es an mir ziehen, mich von mir wegziehen. Vielleicht, weil ich noch nicht loslassen kann.
Ich atme tief ein, lang aus.
»Ok, ich bin also das Mädchen mit dem Ballon. Und jetzt?«
»Jetzt stellst du dir vor, dieses Mädchen hätte den Ballon nicht freiwillig losgelassen. Sie war noch gar nicht soweit.«
»Hä?«
»Konzentrier dich. Dann wirst du es verstehen.«
Meine Güte, sie kommt immer auf so komische Ideen. Ich weiß, ich sollte mich drauf einlassen. Ich habe eh keine Wahl, solang ihre Hand in meinem Rücken liegt und ich nicht will, dass sie sie von da weg nimmt. Denn da gehört sie hin.
»Wenn sie den Ballon nicht freiwillig losgelassen hat, wird sie ihm hinterherweinen, und sich nicht darüber freuen, dass er ohne sie fliegt.«
»Siehst du. Darauf wollte ich hinaus. Solange du nicht wirklich Abschied genommen hast, für dich, so wie du es brauchst, bleibt das Loslassen eine Anstrengung. Sobald du loslassen möchtest und es kannst, wirst du der Zeit hinterhersehen und Freude fühlen.«
»Freude, dass ich den Ballon verloren habe?«
»Nein, Freude darüber, dass etwas fliegt, oder die Vorfreude auf deinen nächsten Ballon«, sagt sie. Ihre Hand liegt dabei in meinem Rücken, als gehörte sie schon immer dahin. Ich bin so froh, dass sie mich nicht loslässt.
Ich habe das Bild von dem Mädchen mit dem Ballon vor mir und ich weiß, der Ballon wird fliegen, ich entscheide wann es soweit ist.

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