Gehirnfrost Windbeutel Firlefanzgeschenkgutschein

Gedankenbrausen – vier

DreiWorte von Stefan: #Gehirnfrost #Windbeutel #Firlefanzgeschenkgutschein

Bereits seit einigen Stunden saß er an seinem Schreibtisch und starrte fassungslos auf ein strafend leeres Dokument. Der Cursor wurde nicht müde, ihn anzuschreien. Je länger er auf diesen blinkenden Strich schaute, desto greller wurde er, desto lauter, desto schneller, desto drohender wurde es. »Mach, denk, schreib, los. Mach-denk-schreib-los! Machdenkschreiblos. MACHDENK…«

Doch sein Gehirn war kaputt.

Kaputt, auch so ein Wort, das rein überhaupt gar nichts in diesem Dokument zu suchen haben durfte.

Er musste den Blick abwenden. Er schaute aus dem Fenster, weil das viele bedeutende Menschen zu Beginn eines neuen Projektes so taten. Sie schauten aus dem Fenster und dann passierte irgendwas von schicksalhafter Tragweite. Ja, so gehen Anfänge in Filmen und in Büchern, und die müssen es schließlich wissen wie Storytelling funktioniert.

Er biss in einen übriggebliebenen Windbeutel. Zuckerbepuderte Teigtupfen mit viel Luft und Creme gefüllt. Bröselige Angelegenheit, aber ganz köstlich, wenn er sonst nichts im Haus hatte. Puderzucker verteilte sich großzügig über die Tastatur. Er pustete. Was die Angelegenheit nicht besser machte.

Was wollte er eigentlich tun?
Ach ja, Fensterglotzen und dann das Wetter beschreiben. Irgendwas mit Nebel vielleicht, oder Regen. Der Stimmung entsprechend. Sonne war jetzt eher wenig geeignet. Obwohl… Kommt drauf an.
Vielleicht.
Er war sich nicht sicher.
Er hatte keine Ahnung.

Er war kaputt, genau wie sein Gehirn.

Draußen schneit’s, so ein Mist!

Das war alles und auch irgendwie schon die ganze Geschichte, befürchtete er. Und dann ist es noch nicht mal Thema seines bevorstehenden Dokuments, da war er sich ziemlich sicher. Er tippte diese Erkenntnis trotzdem, damit der hyperaktive Cursor sich einen Augenblick im leeren Dokument abreagieren konnte.

Wie war noch mal genau sein Thema?
Er blätterte in den Unterlagen. Aber die Notizen, die er sich gemacht hatte, brachten ihn nicht weiter. Die Wörter verschwammen zu Buchstabensuppe.

Er brauchte ganz dringend eine Zigarette und einen frischen Kaffee. Den letzten hatte er vergessen bevor ihr ihn trank. Er wusste nicht, dass heißer Kaffee zu Gehirnfrost führen konnte, wenn er ihn nur lang genug nicht beachtete. Da war er ganz schön überrascht, als es plötzlich passierte. Er notierte sich diese Erkenntnis auf einem extra Zettel, vielleicht konnte er das irgendwann gebrauchen.
Alles was in den letzten Stunden passierte oder eben nicht passierte, bewies ihm, dass es gut war, eine Reserve von solchen Erkenntnissen anzulegen.

Witzig, worüber er seine Gedanken verlor, während er eigentlich etwas ganz anderes schreiben sollte. Das Dokument lauerte noch genauso leer wie vor Stunden und verbündete sich mit dem Cursor zum gemeinschaftlichen Terror gegen ihn. Lauter, heller, schneller, Machdenkschreiblos.

Warum könnte er jetzt alles schreiben, nur nicht das was er muss? Was machte den Unterschied? Wörter sind Wörter. Buchstaben sind Buchstaben. Seine Gedanken brausten. Das war schon immer so. Seine Gedanken waren immer überall.

Er war nicht Bukowski, Burroughs, Hesse oder Yeats und wollte es auch nicht unbedingt sein. Vor allem nicht, wenn es sich so anstrengend gestaltete. Er war Oliver H., 34, verheiratet, 2 Kinder, unsportlich und seit 5 Monaten und 27 Tagen Social Media Content Expert in Homeoffice und Probezeit. Alles was er tun sollte, war einen f*cking Instagram-Beitrag für irgendsoeinen dahergelaufenen aber unglaublich angesagten Firlefanzgeschenkgutschein zu schreiben. 12 Zeilen, 490 Zeichen maximal, inklusive Leerzeichen und Hashtags. Das darf doch nicht so schwer sein.

War es aber.

Eine Antwort auf „Gehirnfrost Windbeutel Firlefanzgeschenkgutschein“

  1. eine kleine Ergänzung der Autorin: Bitte liebe Schriftsteller*innen, tut es nicht, niemals, nein… beginnt euren Roman nicht damit, das irgendwer irgendwie aus dem Fenster schaut, um irgendwas, schon gar nicht das Wetter, zu betrachten.

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