Schneegestöber Kakapo Stirnrunzeln

Gedankenbrausen sieben

DreiWorte von Tanja: #Schneegestöber #Kakapo #Stirnrunzeln

Es ist eine dieser Familienfeiern. Aufgeregtes Plaudern, ein gutes Essen und eigentlich sind alle beteiligten froh, wenn es irgendwann endlich wieder vorbei ist. Würde aber nie jemand laut sagen.
Ich, Single, schon immer ohne Anhang, sitze am Familientisch neben dem wütenden Kind, weil es sich anders nicht ergibt.
Diesen Platz an der Kaffeetafel finde ich gar nicht mehr so schlimm, seit es das wütende Kind seit anderthalb Jahren oder so gibt.
Wir mögen uns.
Bei seinem ersten Stirnrunzeln, als wir uns im Krankenhaus begegnet sind, wusste ich, dieses Kind ist der Kracher. Es ist grimmig, es ist laut, es ist eigentlich immer übel gelaunt und kennt keine Hemmungen, das voll und ganz auszukosten. Ich glaube das Kind wird, wenn es mal groß ist, Sadistin.
Wäre ok für mich.
Das wütende Kind spricht nicht viel, zu wenig wenn es nach der zunehmend besorgten Verwandtschaft geht.
Aber wenn es spricht, wird mir warm ums Herz. Es kann bisher ein einziges Wort.

»Bringst du das Würmchen ins Bett? Es sieht dich doch so selten, und da freut sich das Würmchen, nicht wahr, mein Würmchen?«
»Nein!«, brüllt das wütende Kind in einer Eiseskälte, die seines gleichen sucht. Ein Schneegestöber der puren Emotion.
Und der Spaß beginnt.
Die entgleisten Gesichtszüge der Mutter sammeln sich zu einer Entschuldigung. Einer stellvertretenden Entschuldigung für dieses wütende Kind.
»Sie meint es nicht so, das weißt du, ne? Du nimmst das nicht persönlich, ja?«
Ich nehme es nicht persönlich, ich nehme lieber das Kind. Schnell raus hier. Hand in Hand gehen wir die Treppe hoch.
Von unten höre ich die Mutter rufen: »Zähneputzen und kannst du ihr noch eine frische Windel anziehen für die Nacht?«
Natürlich, nichts lieber. Das wütende Kind und ich tauschen Blicke, die mehr sagen als jedes Wort.
Ich schiebe ihr den Waschbeckenhocker zurecht, sie angelt nach ihrer Bürste, ich quetsche Zahnpasta drauf, bis es an den Seiten runterläuft.
Sie quiekt und schiebt sich das Teil in den Mund. Was auch immer sie damit tut, die paar Zähne werden schon sauber werden.
Zeit zu reden.
»Wir haben uns an Opa Stefans Geburtstag zuletzt gesehen, oder? Erzähl mal, wie waren deine letzten Wochen?«
»Nein!«, sagt sie und schaumige Spucke spritzt bis an den Spiegel. Ich fülle Wasser in einen Becher, sie spült, spukt, fertig. Sie hüpft vom Hocker.
Im Kinderzimmer gibt mir das wütende Kind ihren Pyjama, ich helfe ihr sich aus-,um- und anzuziehen. Es klappt so gut, als würden wir das schon immer so machen.
Ich setze mich auf den Boden vor ihr Bett.
»Hab ich dir von meinem letzten Date erzählt?«
»Nein!«
»Prima! Mach’s dir bequem! Das wird eine üble Geschichte.«
»Nein«, sagt sie, setzt sich in meinen Schneidersitz und legt ihren Kopf auf mir ab. Ihr Daumen landet im Mund.
Wir plaudern. Ich erzähle ihr alles. Ich weiß, meine Geheimnisse sind bei ihr sicher.
Das wütende Kind schaut mich mit ihren riesigen Augen an streicht mir über die Wange, gibt mir ihren Hasenkumpel.
»Nein!«, sagt sie und schläft schon fast.
»Wir haben die Windel vergessen«, sage ich.
»Nein!«, flüstert sie.
»Kein Kackapo gerade, mein Würmchen?« Ich mache ihre Mama nach. Sie macht riesige Augen, als hätte sie einen Plan, oder zumindest eine Idee. Als würden ihre Gedanken brausen. Sie zögert und sie sagt bestimmender als ich es jemals zuvor von ihr gehört habe: »Nein!«
»Ok, wie du meinst«, sage ich.
Ich versuche mich vom Boden hochzuhieven und sie bewegt sich kein Stück und hat Spaß dabei. Sie kommentiert mein Ächzen aber nicht.
»Meine Fresse, ich bin ’ne steife alte Frau geworden«, sage ich, hebe das wundervoll wütende Kind in meinen Arm und lege es ins Bett.
»Nein«, sagt das wütende Kind.
Dafür und für eine gute Nacht bekommt sie einen kleinen Kuss auf die Stirn.
»Hier dein Hasenkumpel. Danke fürs Ausleihen!«
Der Hasenkumpel wird von ihr umarmt, der Daumen bleibt dabei im Mund. Dieses Bild ist einfach Zucker.
Ich setze mich noch einen Augenblick zu ihr ans Bett.
»Hoffentlich kracht es nicht«, sage ich.
»Nein«, sagt sie.
Ich streiche ihr durchs Haar und lächle bis sie eingeschlafen ist.
»Schlaf ein, schlaf aus, Süße. Bis bald wieder«, flüstere ich, als ich aus ihrem Kinderzimmer schleiche. Das Nachtlicht brennt, die Tür lehne ich nur an.
Jetzt bin ich auch müde und will einfach nur nach Hause.
Mich jetzt allein wieder an den Tisch auf diesen Platz zu setzen, fühlt sich falsch an. Also verabschiede ich mich.
»Schön, dass du da warst!«, sagen sie der Reihe nach und begleiten mich zur Tür.
Ich habe die Türklinke bereits in der Hand, da weht ein eiskalter Wind aus dem Kinderzimmer zu uns herunter.
Die Hölle gefriert. Die Erde scheint sich aufzutun und der Dämon der Finsternis steht auf dem ersten Treppenabsatz mit Hasenkumpel im Arm.
Das wütende Kind brüllt: »KA-KA-PO! KA-KA-PO! KA-KA-PO!«
Das Gesicht der Mutter vereist.
»Schön, dass ich da gewesen bin!«, sage ich und ergreife – zugegeben mächtig stolz – die Flucht.

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